Tag5, 25.07.06

Die Auswirkungen der feuchtfröhlichen Partynacht hielten sich gottlob in Grenzen. Um Punkt zwölf checkten wir aus und packten die Sachen auf unsere Drahtesel.

Die Pension Atlantis hatte ihren Zweck erfüllt und uns zu einem guten Preis eine commode Bleibe beschert. Unerwartet frisch in Sachen Körper und Geist brachen wir auf, in Richtung Ukraine.

Nachdem wir 2005 in Transnistrien, nur 20Km von der ukrainischen Grenze entfernt, wegen Buzz´s Scheisserei umdrehen mussten, waren wir entsprechend motiviert... .

Die wenigen Kilometer nach Sobrance vergingen wie im Flug, wir speedeten richtig ab.

Der Himmel verdunkelte sich zunehmend, ein mächtiges Gewitter zog auf.

Mist, wir wollten doch unbedingt noch Uzhgorod erreichen.

Also verzichteten wir auf eine Pause, sowohl in Ruskovce, als auch in Sobrance, und fuhren weiter.

Allerdings nicht über die E50, die war uns zu stark befahren.

 

 

Via Komarovce führte uns die kaum befahrene Nebenstraße über den Kanal V. Revistla und Ostrov nach Porostov. In Porostov fanden wir einen netten kleinen Dorfladen, der überdachte Sitzmöglichkeiten im Freien bot. Der Himmel war mittlerweile nur noch grau, es gab keine blauen Stellen mehr und es begann zu nieseln und zu winden. Wir machten erstmal Pause. Der Regen wurde immer stärker, aber so richtig in Fahrt kommen wollte er irgendwie nicht. Seltsam. Weiter oder abwarten, das war die Frage. Die Atmosphäre war trotzdem klasse. Die Verkäuferin war total nett, der lokale Hangaround vom Dienst trank ein Zlaty Bazant nach dem anderen und verhielt sich ruhig und friedlich. Jeder Passant grüßte entweder per Handzeichen oder Kopfnicker. Wie in Tschechien... .

Fassbier gab es keines, auf Flaschenbier hatten wir keinen Bock. Also labten wir uns an köstlicher Brause, hergestellt irgendwo ganz in der Nähe, den Namen des Abfüllortes habe ich leider mittlerweile vergessen. Besonders die rote, die Himbeerlimonade schmeckte ausgezeichnet. Holunder hingegen traf nicht so unbedingt unsere Geschmacksnerven.

Nach einiger Grübelei entschieden wir uns dafür, einfach Rille zu geben und loszuheizen, Richtung Grenze. Wir waren heiss auf die Ukraine, auf ein weiteres neues Land auf unseren persönlichen Europakarten.

Mit reichlich Glück und einem optimal wehenden Wind erreichten wir trocken die Orte Kristy, Jenkovce und Nizne Nemecke.

In Nizne Nemecke mussten wir uns für eine halbe Stunde in einer Bushaltestelle unterstellen, ehe wir weiterfahren konnten.

Gegen 16h erreichten wir den slowakischen Grenzort namens Vysne Nemecke und rollten auf den Grenzübergang zu.

Vysne Nemecke präsentierte sich als typischer, verschlafener kleiner Grenzort. An der Ortsausfahrtstraße in die Ukraine reihten sich die Bier- und Fressbuden wie Perlen auf der Schnur, hier und da liessen sich welche volllaufen. Sonst gibt es nichts zu dem Dorf zu sagen. Die Buden enden am slowakischen Abfertigungshäusschen. Die Beamten warfen einen Blick in die Pässe und gaben sie uns wieder zurück. Buzz verlangte nach einem Ausreisestempel und es wurde lustig.

Buzz fragte auf gebrochenem tschechisch, der Typ in der Bude verstand kein Wort. Er verstand auch kein Wort englisch, deutsch oder französich, also bediente sich Buzz der pantomimischen Darstellung, die er mit dem Stempelsound ("Bumm, Bumm!") vertonte. Binnen weniger Sekunden brach Hektik, ja sogar Panik aus. Einer der Männer bereitete seine Schusswaffe für den EInsatz vor. Die Leute dachten allen Ernstes, Buzz wolle ihnen von seiner im Gepäck versteckten Bombe erzählen und sie bedrohen. Immer wieder sprachen die Grenzer von der "Bomba" und es dauerte ein paar Minuten, bis sich die Lage wieder entspannte und das Missverständnis komplett aufgeklärt wurde. Ende vom Lied: Buzz bekam nach reichlich Trara seinen gewünschten Stempel in den Reisepass gedonnert, es machte "Bumm- Bumm!" und alle lachten. Hinter dem Schlagbaum erspähten wir in einiger Entfernung den ukrainischen Posten.

An wartenden Kratwagen vorbei schoben wir uns in die Pole Position. Plötzlich brüllte uns ein junger Mann im Tarnanzug mit MG an. Wir verstanden kein Wort. Ich bat ihn, das ganze langsam und deutlich zu wiederholen und war schlauer. Hier gab es die dringendst benötigten Talons, die man später bei der Passkontrolle vorlegen musste. Nach zehn Minuten Wartezeit bekamen wir einen dieser Papierschnipsel und reihten uns in die Warteschlange vor den kleinen Containern ein. Jeder drängelte sich so gut vor, wie er nur konnte. Mir wurde es zu bunt, meine Nerven waren überstrapaziert. Was die konnten, konnte ich auch. Ich schubste, fluchte, schimpfte und drohte- und bekam wenig später von einer grimmigen Beamtin zwei auszufüllende Immigationsscheine. Nach dem Ausfüllen ging die Schubserei bzw. Vordrängelei in die nächste Runde. Endlich hatte ich mich an die Luke zu der noch immer miesepetrig dreinschauenden Dame vorangekämpft und die Pässe samt der Dokumente durchgeschoben, da stellte sich heraus, dass ich beim Ausfüllen Mist gebaut hatte. Die Grenzbeamtin wollte mich nun wieder wegschicken, aber ich blieb hart und bewegte mich keinen Zentimeter. Typische Put- Situation. Nichts ging mehr. Nach einigen Blickwechseln und genervtem Kopfschütteln, nachdem sie mich auf ukrainisch angemault und ich auf deutsch zurückgelabert hatte, lächelte sie. Hätte ich nie gedacht, dass die Alte sowas kann. Nun waren wir, warum auch immer, Freunde. Innerhalb von Sekunden war alles easy. Ich bekam einen neuen Fragebogen, sie half beim Ausfüllen und stempelte die Pässe. Ausserdem behielt sie den Talon, gab uns dafür aber einen anderen kleinen Papierschnipsel. Ich verabschiedete mich von meiner neuen Freundin, schnappte Buzz und schob weiter, zur Zollabfertigung.

Dort fühlte sich niemand für uns zuständig. Egal, wem ich meinen Schnipsel zwecks weiterem Vorankommen in den Mühlen der Bürokratie in die Hand drücken wollte, keiner beachtete mich. Bis es mir erneut zu bunt wurde und ich die teilweise einfach nur betrunken auf Bänken abasselnden Zöllner direkt ansprach und so lange herumnervte, bis schließlich jemand mürrisch den Zettel nahm und einen Stempel darauf donnern ließ. Bumm- Bumm eben.

Am letzten Punkt der Odysee sammelte ein junger Bursche den soeben gestempelten Zettel ein und öffnete eine Schranke. Wir waren in der Ukraine, geschafft!

Wie heftig müssen die Grenzformalitäten denn bitte vor der orangenen Revolution gewesen sein?!? Uns war nun alles egal, denn wir haben die Einreiseprozedur bravourös gemeistert- in einer lächerlichen halben Stunde! A Propos "Stunde"... die Uhren wurden eine Stunde vorgestellt!

Kaum auf ukrainischem Boden angekommen, wurden wir von schäbigen Gammlern belästigt. Die wollten Geld tauschen und versprachen uns alles mögliche.

Schade, wir hätten gern direkt an der Grenze ein Weilchen abgehangen, aber so war es nicht möglich. ich schoss zwei Fotos vom Grenzbereich, von der Heldenstatue und von Buzz, dann fuhren wir schon weiter, nach Uzhorod. Von der Grenze aus waren es nur wenige Kilometer in´s Zentrum. Die Schlaglöcher auf den Straßen waren gigantisch. Der Verkehr auch.

Es war absolut stressig, in Uzhorod mit dem Rad unterwegs zu sein. In der Innenstadt waren viele Wege kaum mehr als solche zu bezeichnen.

Sie waren nicht asphaltiert und der vor wenigen Stunden niedergegangene, heftige Regen hatte seine Spuren hinterlassen.

Willkommen in der Ukraine!
Grenzübergang bei Uzhgorod

In Uzhorod war es wie verhext. Wir fanden keine Bude. Es gab, zumindest auf den ersten Blick, keine Hotels in der Stadt. Das einzige, was wir entdeckten, war komplett ausgebucht. Nach langer Herumgurkerei betrat ich das Nobelhotel vor Ort, die mit Abstand elitärste Unterkunft der Provinzhauptstadt Uzhorod. Ein Portier öffnete die Tür, die elegante Rezeptionistin sprach nahezu akzentfreies englisch. Wenig später waren die Fahrräder im Gebäude untergebracht, die Pässe hinterlegt und unser Doppelzimmer bezogen. Boah, krasses Zimmer! Klimaanlage, Sat TV mit hunderten Sendern, natürlich auch deutschen. Gefaltetes Toilettenpapier. Alles nur vom Feinsten. Leider auch nicht ganz billig, vor allem nicht für ukrainische Maßstäbe... .

Nach der üblichen Metamorphose spazierten wir in die Stadt. Wir wollten primär eine Kleinigkeit essen und noch ein paar Bier wegzischen.

Bier zu besorgen, das wurde sehr schnell klar, würde uns vor keine Probleme stellen. Überall liefen Leute mit Bierbuddeln in der Hand herum. An jeder Ecke gab es Alkohol- Shops. Schwieriger gestaltete sich da schon die Suche nach leckerem Essen. Wir entschieden uns für eine lausige Pizza, die wie immer in Osteuropa mit einer meterdicken Schicht Ketchup und Mayo serviert wurde. Wenigstens hatte wir jetzt etwas im Magen und konnten uns auf das ukrainische Bier konzentrieren. Der Halbe vom Fass kostete in den Cafés und Biergärten im Zentrum immer so um die 4-5 UAH. Zum Zeitpunkt unseres Besuchs in der Ukraine entsprachen 7 Griwnen einem Euro. In den Lebensmittelgeschäften und Alko- Shops waren die Getränke freilich günstiger.

In einem der kleinen Geschäfte versorgten wir uns dann auch mit dem notwendigen Proviant und latschten an den Fluss Usch, wie die meisten Einheimischen auch.

Entlang der Flusspromenade hingen sie alle ab, die Teens, die Muttis, die Rentner, die Penner. Alle eben. So auch Tomasz und Buzz.

Wir pflanzten uns auf eine Mauer und sahen der untergehenden Sonne zu.

In Uzhorod fühlten wir uns wohl, alles war cool.

Den Club "Time - Out" (siehe Foto oben rechts) suchten wir nicht auf. Wir bekamen stattdessen von der netten Rezeptionsdame den "Bunker" genannt. Der war nur fünf Gehminuten entfernt, aber leider total leer. Deshalb waren wir auch schon zeitig zurück im Hotelzimmer, glotzten Schwachsinn und sabbelten Müll. Herrlich!