Tag 14, 25.07.2004

 

Nachts wurden wir immer wieder wach, weil Hirten auf dem Berg gegenüber lauthals ihre Hunde kommandierten. Als wir aufstehen, regen wir uns als erstes über den nervigen Nieselregen auf. Wir haben keinen Bock mehr und beschliessen, nach Strehaia zu fahren. Dort fragen wir uns zum etwas abseits liegenden Bahnhof durch, hängen eine Stunde rum und nehmen den Zug nach Orsova, um von da eine halbe Stunde später weiter nach Slatina Timis zu kommen. Die Karten besorge ich am Schalter, allerdings nur die für die Personenbeförderung. Fahrradkarten will die Frau hinter der Glasscheibe mir nicht geben. Egal, wir wuchten die schweren Bikes in das Postabteil und sind froh, erstmal im Zug zu sein. Rasch kümmert sich ein Zugbegleiter um uns und will Tickets für das Rad sehen. Habe ich nicht bekommen, sage ich. Er sagt, das sei ein grosses Problem und will pro Rad 100.000 nach Slatina Timis haben. Ich raste aus, weil ich mir einfach verarscht vorkomme. Schliesslich kostet eine Person für die gesamte Strecke gerade mal 60.000. Nicht mit mir, brülle ich ihn an. Ich biete ihm die Hälfte, wofür er dann die Quittung behalten darf. Er lehnt ab und kommt erst in Drobeta Turnu Severin wieder zurück. Nun fordert er mich auf, mitzukommen und führt mich zu zwei am Gleis stehenden, bewaffneten Bahnleuten.

Entweder wir zahlen, oder es ist Endstation für uns, wird mir deutlich zu verstehen gegeben. Ich zahle 100.000 und verspreche, die anderen 100.000 im Zug Orsova- Slatina Timis zu löhnen. Alle sind einverstanden und es kann weitergehen, nachdem ich mal locker den kompletten Zug behindert habe. Dann stimmt es wohl, dass man pro Rad die vergleichsweise, vor allem für rumänische Relationen exorbitant hohe Summe von umgerechnet 2,60 Euro zahlen muss.

Warum ich mich über insgesamt 5,20 Euro, was im Verhältnis zu deutschen Preisen noch immer günstig ist, so aufgeregt habe? Wiegesagt, ich hatte meine Zweifel an der Rechtmässigkeit der Forderung und wollte mich nicht ausnehmen lassen. Wenn die Masche bei einem Touristen klappt, müssen alle nachfolgenden ebenfalls zahlen. Wehret den Anfängen, so muss man es betrachten. Nun stellt sich also heraus, dass es absolut ok ist die Summe zu zahlen , obwohl es mich wurmt, dass wir keine Quittung bekommen.
Ich führe das darauf zurück, dass wir in Rumänien sind und nicht in Deutschland, wo es für jeden Pups Formulare und Belege gibt und störe mich nicht weiter daran. Bei einer späteren Internetrecherche finde ich heraus, dass die Radtickets in Rumänien tatsächlich unverhältnismässig teuer sind, weil es die Kombination Bike + Fahrer so nicht gibt. Fahrrad und Fahrer werden getrennt betrachtet und berechnet, wobei der Drahtessel leider als Sperrgut eingestuft wird, deshalb auch der hohe Preis.

Der Typ von der Bahn meint in Orsova, wir könnten die Räder ruhig im Zug lassen, bis der Zug nach Slatina Timis geht, er würde aufpassen dass nichts abhanden kommt. Ne ne, alter! wir laden die Bikes aus, brechen uns fast die Knochen bei den niedrigen Bordsteinen und steuern den Bahnhofskiosk an. Der Macker lächelt in sich hinein und schmunzelt bei diesem Anblick

In der näheren Umgebung des Bhf´s ist die Donau, sonst nichts. Ausser uns sind einige tschechische Interrailer auf dem Bahnhof, die den Fehler machen, sich auf ein Gespräch mit den unvermeidlichen typischen Bahnhof- Hangarounds einzulassen und fortan echt aufpassen müssen, nicht abgezogen zu werden. Uns passiert sowas nicht, die Kleinkriminellen sind zum Glück abgelenkt.

Als der Abfahrtsgleis des Zuges nach Slatina angezeigt wird, verstehen wir das Schmunzeln des Heinis von der Bahn. Wir waren schon im Zugabteil, denn das Abteil fährt weiter nach Slatina. Diese ganze Aus- und Einladeaktion war also umsonst. Wir lächeln zurück, als wir die Räder unter der Mithilfe des Bahnbegleiters wieder hineinwuchten und schliessen Frieden. Nun mögen wir uns alle. Nur das Wetter mögen wir nicht, es regnet Katzen und Hunde. Am Kiosk holen wir uns ´ne Tüte voller Neumarkt Pils Plastikflaschen und erleben eine lustige Zugfahrt durch die abwechslungsreiche und reizvolle Landschaft bis Slatina.

Weg von Dumbrava nach Strehaia
Tomasz im Gepäckabteil
Neumarkt, schönes PET-Bier!

Dort steigen wir im Dauerregen aus dem Zug und stehen planlos vor dem Bahnhofshäuschen. Nach Brebu Nou fährt erst übermorgen wieder ein Bus, ein Taxi gibt es hier nicht.

Der Chef de Statie nimmt sich unser an und stellt erstmal die Räder in seinem Bahnhofshaus unter. Dann bringt er uns mit seinem Dacia nach Brebu Nou. Eine echt krasse Strecke fahren wir, 30 Km ausschliesslich bergauf, voller gigantischer Schlaglöcher. Zum Teil liegen Felsbrocken und Bäume mitten auf der Strasse. Eine Stunde brauchen wir. Die Zeit vergeht schnell, denn wir unterhalten uns prächtig. Ich hüpfe am Ortseingang aus dem Wagen und jogge zum Clio, der immer noch artig vor dem Haus von Gerd Ballas wartet.

Buzz und Ioan, der Chef de Statie stehen solange an einem Kiosk und trinken ein paar Bier. Timis, na klar. Ich sage Gerd Ballas Bescheid, dass ich jetzt den Wagen abhole und er erzählt mir, dass der Clio mit seinen beiden Wegfahrsperren in Brebu so ´ne Art Sehenswürdigkeit geworden sei, weil niemand je zuvor sowas gesehen hätte. Ist mir im Moment ziemlich egal, finde ich später aber witzig.

Ich sammel Buzz ein und Ioan fährt vor, wir hinterher. Die Strasse ist eine Höllenpiste und es zerreist uns den Auspuff. Ab jetzt haben wir den Sound eines Panzers, shit. Am Häuschen von Ioan wartet ein Kumpane von ihm mit einer Flasche selbstgebrannten. Die beiden schauen uns interessiert zu, wie wir in Windeseile die Räder demontieren und alles in den kleinen Clio packen. Wir sind sowas wie Mc Gyver für sie.

Zur Verabschiedung sollen wir unbedingt noch etwas Schnaps mit ihnen trinken, wenn wir wollen können wir auch im Häuschen übernachten und morgen erst weiterfahren. Ich schaffe es, den Hochprozentigen abzulehnen, ich muss schliesslich noch fahren. Wir unterhalten uns bis um 0:30, dann müssen wir endgültig los. Ioan ist grosser Fan der EU und besteht auf ein Foto an seinem mit der EU Fahne geschmückten Schreibtisch, der immer so aussieht und nicht etwa extra für uns hergerichtet wurde. Wir bedanken uns für seine Hilfe, erstatten ihm zumindest die Spritkosten und fahren um 0:45 los.

Tomasz, Ioan und sein Kumpel
Buzz, der Chef de Statie und Tomasz

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