Tag 11, 22.07.2004

 

Wir kennen uns endlich aus in Vidin. Nach dem Aufstehen packen wir die Badesachen, besorgen uns Frühstück, Böreks, Kefir und Wasser. Ab ins Freibad! Es ist wieder total heiss und so sind wir froh, dass der Bademeister uns noch von gestern kennt und dieses Mal keinen Aufstand wegen unserer ungewöhnlichen Badebekleidung macht.

Schade, dass der Freund von gestern nicht da ist, so spielen wir alleine und ohne Kommentator Ball, Trinken alleine direkt am Schwimmbecken original in Bremen gebrautes Beck´s für 1,25 Lewa den halben Liter. Nicht mal in Lizenz vor Ort, nein, ohne Flachs, original in Bremen gebraut und das zu einem Flaschenpreis, der unter dem in deutschen Supermärkten liegt. Serviert an einem sonnigen Sommertag im Schwimmbad von Vidin. Nicht schlecht, der Style. Zugegeben, ist nicht gerade sehr toll, in Bulgarien anstatt auf das gute Zagorka oder das supergute Kamenitza auf schnödes, hinlänglich bekanntes Beck´s zurückzugreifen aber bei dem Preis muss das einfach sein, zumal die bulgarischen Sorten zuvor bereits ausgiebig verkostet worden sind.

Bahnhof in Vidin, Bulgarien
Freibad in Vidin
Tomasz planscht
Buzz in Vidin

Was für ein toller Sommertag! Hier in Vidin gefällt es uns ausgezeichnet. So muss ein Urlaub sein. Auf dem Rückweg vom Freibad zum "Biergarten" von gestern kaufen wir uns unterwegs eine Wassermelone und hauen sie gleich darauf an der Donau weg. Die meisten Leute baden offensichtlich in der Donau anstatt im kostenpflichtigen Bad. So gut scheint es den Menschen hier finanziell nicht zu gehen, was auch den Sturm der Entrüstung erklärt, der uns auf der überdachten Terasse entgegenschlägt, als wir dem Wirt und seiner Familie vom Appartmentpreis erzählen. Wir müssen definitiv verrückt sein, dass wir derartigen Wucher unterstützen und sollen morgen dort abhauen und irgendwo anders unterkommen. Leider verschwinden wir morgen ganz aus Vidin. Nach Rumänien, was wiederrum als nicht minder geisteskrank angesehen wird. Nikola, so der Name des Wirtes, betrachtet Rumänien etwas differenzierter. Er meint, es gebe überall solche und solche. Zum ersten Mal hören wir eine derart vernünftige Einschätzung im Verlauf der Tour. Längst haben wir uns angefreundet und beim Essen, es gibt unter anderem Gänseherzen und natürlich Pommes auf bulgarisch, erfahren wir wie Nikola zu diesem Lokal gekommen ist.

Vor der Wende war Nikola ein gutbezahlter Ingenieur bei den Gummiwerken in Vidin, die in den 90ern schliesslich dichtmachten. Nikola war arbeitslos, bekam keinerlei Unterstützung. Seine Ersparnisse gingen durch die Inflation verloren. Um seine Familie( Ehefrau und eine Tochter) durchbringen zu können, kaufte er auf dem Land Obst und Gemüse und bot es in der Stadt an. Den Gewinn investierte er in einen Eselkarren, der Gewinn steigerte sich und er tauschte den Esel gegen ein Pferd. Der Pferdekarren wurde durch einen alten Lada ersetzt. Der Lada wurde dann wenig später am hellichten Tag gestohlen.
Nikola stand wieder vor dem Nichts und half beim Strassenbau aus, Schlaglöcher füllen. Schliesslich kaufte er die kleine Bude und baute diese selbst in eine Gaststätte um. Tja, und nun arbeiten seine Frau, seine Tochter und er in der familieneigenen Bude, von der Buzz und ich gerade verköstigt werden. Eine beeindruckende Geschichte, die dem Erzähler Tränen in die Augen und Stolz ins Gesicht treibt. Hut ab vor diesem Mann!

Die Verständigung klappt reibungslos, ich gebe meinen polnisch/tschechisch/deutschen Mischmasch zum Besten und werde, je später der Abend wird, immer besser verstanden. Nikola hatte einmal einen deutschen Kumpel, der ihn ab und zu besucht hat. Die beiden kannten sich über die Arbeit, der Deutsche war Ingenieur bei einem Gummiwerk in der ehemaligen DDR und öfters zum Wissensaustausch in Vidin, Nikola war in der DDR. Leider haben sich die beiden in den Wirren nach dem Niedergang des Systems aus den Augen verloren. Der Abend mit Nikola und seiner Familie ist schön. Seine Tochter ist übrigens studierte Sozialpädagogin, findet aber keinen Job. Ausserdem braucht Nikola ihre Unterstützung im Lokal. Alles wahnsinnig interessant! Wir unterhalten uns bis Mitternacht und verabschieden uns herzlich voneinander. Ein ehemaliger Auszubildender von Nikola bringt uns gemeinsam mit einem Freund zurück zum Hotel und wünscht uns alles Gute. Buzz und ich duschen kalt und setzen uns vor die Disse. Wir reden über den tollen Tag und beenden diesen im Aquarius. Morgen wollen wir Abschied nehmen von Vidin, auch wenn es uns sicher sehr schwerfallen wird.

Buzz, Tomasz und Nikola
Tomasz, der Ex-Azubi und Buzz

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