Tag 9, 20.07.2004

 

Die Nacht ist überstanden. Immer wieder störten seltsame Geräusche unseren Schlaf und so sind wir zunächst noch etwas langsam im Kopf. Nichts wie weg von diesem unangenehmen Ort. Der Verkehr hat deutlich zugenommen, da wir nun auf der Strecke Drobeta (RO)- Bulgarien sind. Der Individualverkehr ist gering, die Anzahl der LKW jedoch umso höher.

Tomasz auf dem Weg nach "BG"
Tomasz in Negotin
Buzz in Negotin

In der wuseligen Stadt Negotin legen wir unsere Frühstückspause ein und bedauern es, nicht länger bleiben zu können, da es uns hier sehr gut gefällt. Nächstes Mal. Heute wollen wir auf jeden Fall noch bis Bulgarien kommen, deshalb fahren wir schon eine Stunde später weiter. Am Strassenrand stehen viele Kreuze. Auf den Kreuzen sind Fotos der Beerdigten. Zunächst gehen wir davon aus, dass es sich um im jugoslawischen Bürgerkrieg gefallene handelt. Später jedoch erfahren wir von Sanny Trokicic, von jemandem der selbst aus Kobisnica stammt, dass die Menschen Verkehrstote sind. Danke für die Info.

Dieser Teil des Landes ist übrigens von den Kämpfen verschont geblieben. Hier leben, abgesehen von einigen wenigen Bulgaren im Grenzbereich, im Grunde genommen ausschliesslich Serben.

Der letzte serbische Ort vor der Grenze ist Kobisnica. Die Mittagshitze zwingt uns zu einer Siesta, die wir mitten im Ort unter schattenspendenden Bäumen verbringen.

An ein Weiterfahren ist bei diesen Temperaturen nicht zu denken. Und so bringen wir unsere letzten Dinar unters Volk, gönnen uns kaltes Wasser, kalten Eistee und ein kaltes Pils Plus. Während wir so auf den Bänken herumlungern, werden wir Zuschauer eines Hochzeitsumzugs. Hübsche Brautgesellschaft! Da würden wir gern mitfeiern. Immer wieder donnern schwere LKW mit viel zu hoher Geschwindigkeit durch den Ort und erschüttern die Ruhe. Es sind überproportional viele LKW aus Polen unterwegs.
Hochzeit in Kobisnica
Siesta
Wow, was für eine Braut... .
aVergleiche hierzu: Foto von der Hochzeitsgesellschaft in Subotica, Vojvodina, August 2007.


Gegen 15 Uhr können wir weiterfahren und erreichen nach knapp 5 Km die Grenze. An dieser Grenze ist wegen der gegenseitigen Visumpflicht kaum was los. Nur LKW gibt es recht viele. Der serbische Beamte ist innerhalb von zwei Minuten fertig mit uns, den Registraturnachweis will er nicht sehen, der interessiert ihn nicht. Viel mehr interessiert er sich für uns und den Reiseverlauf. Die Formalitäten werden unerwartet locker und extrem korrekt abgewickelt.

Zwischen dem serbischen und dem bulgarischen Kontrollposten liegen 500 Meter Niemandsland und ein kleiner Fluss, in dem eine Horde Kinder und Jugendliche baden. Die haben eine Menge Spaß, wie wir deutlich hören können. Von der Wasserqualität her erscheint uns das Flüsslein ebenfalls verlockend. Wir überlegen kurz, ob wir es den Kids und Teens nachmachen, entscheiden uns dann aber doch dafür, erstmal die Grenze hinter uns zu lassen.
Bei dem Fluss handelt es sich nicht um irgendeinen Bach, sondern um den Timok. Der insgesamt gut 200Km lange Timok (Karte) bildet auf seinen letzten 15Km vor der Mündung in die Donau die Grenze zwischen Serbien und Bulgarien.

Am bulgarischen Checkpoint angekommen freut sich der Zöllner darüber, dass wir deutsche Pässe haben. Das nimmt ihm den Stress von wegen Visaüberprüfung etc. ab.
Hier dauert es etwas länger, unsere Pässe verschwinden in einem Kabuff und tauchen erst zehn Minuten später wieder auf.

Während dessen fragt uns der Grenzer über uns und die Reise aus. Wir erklären ihm, dass wir ihn Vidin das Land schon wieder über die Donau nach Calafat (RO) verlassen werden und uns nur ein schönes, verlängertes Wochenende in Bulgarien machen wollen.

Das mit dem Discoplan in Vidin findet seine volle Zustimmung. Angesichts der Absicht, nach Calafat zu fahren, gerät er leicht in Panik und Wut. Ob wir noch zu retten sind, will er wissen. Jedes Kind weiss schliesslich, dass alle Rumänen miese, dreckige Diebe und Gauner sind. Ein Volk, das nur aus Räubern und üblem Gesindel besteht.

Das gleiche denken die meisten Rumänen übrigens auch über die Bulgaren.

Wir stellen seine Kompetenz ungern in Frage, erklären aber, dass wir schon in Rumänien waren und dort gut behandelt worden sind. Ob er selbst einmal in Rumänien war, wollen wir fragen, verkneifen es uns aber lieber. Wir müssen ihm versprechen, einen Bogen um das Zigeunerland zu machen und bekommen unsere gestempelten Pässe zurück. Er wünscht uns gute Reise und einen tollen Urlaub im schönen Bulgarien.

So toll kommt uns Bulgarien direkt hinter dem Übergang, der uns in Bregovo ins Land hereinlässt, nicht vor. Der bislang knapp hinter Kaluderovo ödeste, unangefochten jedoch der trostloseste Ort bislang. An einen EC Automat ist nicht zu denken, obwohl diese "Stadt" auf der Landkarte als echt bedeutend eingezeichnet ist. Einen Pennplatz können wir hier nicht ausmachen, Geld haben wir auch keins, also entscheiden wir uns, die 30 Km bis Vidin heute noch zu machen. Die Landschaft ist trocken und öde, aber nicht ohne Reiz. Besonders gefallen uns die kleinen Dörfer in ihrem Erscheinungsbild.

In Vidin fragen wir Einheimische nach einer Unterkunft und beziehen Quartier in einem Appartment des Hotel Dunav. 28 Euro umgerechnet pro Nacht, die Räder stehen in der Rezeptionshalle, die von Männern mit Maschinenpistolen und schussicheren Westen bewacht wird. Die Registrierung bei den Behörden erfolgt über das Hotel, die Pässe bleiben bis zur Abreise hinterlegt, zu zahlen sind die Räumlichkeiten stets im Voraus. Im Appartment haben wir eine eigenes Badezimmer und TV Sat, was die preisliche Differenz gegenüber einem normalen DZ von 3,- Euro mehr als rechtfertigt.

Man benötigt Nerven wie Stahlseile, wenn man an der Rezeption etwas (er-)klären will, da niemand auch nur ein anderes Wort als bulgarisch spricht. Die Angestellten zeigen, was in den osteuropäischen Staaten abgesehen von Rumänien im Hotel- und Restaurantfach anscheinend berufsbedingt ist, nämlich ein erbarmungsloses Desinteresse und dem ausländischen Reisenden gern mal die kalte Schulter. Ich habe allerdings Glück, ein bulgarischer Tourist, der meine Bemühungen seit einigen Minuten verfolgt hat, kommt zu Hilfe und übernimmt für mich den Part des Dolmetschers. Er kann englisch und freut sich, mir helfen zu können.

Nach dem Check In machen wir uns auf die Suche nach etwas Essbarem und bleiben vor einem Schnellrestaurant stehen. Gar nicht so einfach, dieses kyrillische Alphabet. Buchstabe für Buchstabe versuchen wir, erst das Wort und dann die Bedeutung zu erkennen. Ein alter Mann, der im Lokal sitzt, will uns helfen und merkt, dass wir ihn nicht so richtig verstehen. Wir sollen erst mal reinkommen. Ich verstehe so circa 20% von dem, was gesprochen wird, da es dem Polnischen sehr ähnelt.
Die Leute, zwei angestelle Frauen und drei abhängende alte Männer wollen wissen wo wir herkommen. Deutschland. Plötzlich steht einer der Männer auf, schüttelt unsere Hände und umarmt uns beinahe. Die anderen sind auch alle hellauf begeistert und ihre Stimmen überschlagen sich, so dass ich nur noch insgesamt 5% verstehe. Aber eins ist klar, die Bemerkung "aus Deuschland" ruft eine positive Reaktion hervor. Die Männer sagen Deutschland sei die Nummer eins auf der Welt, das coolste und geilste Land was es gibt. Wir bekommen Essen und Trinken, Bier. Etwas trinken wollten wir gar nicht, aber wir werden eingeladen und können unmöglich ablehnen. USA, Frankreich, GB, Russland...alles ein Scheiss verglichen mit dem glorr- und ruhmreichen Deutschland!
Ähm, ja, äh...ähem. Was soll man sagen?
Vor allem , wenn man die Sprache nicht spricht? Ich bedanke mich also für den freundlichen Empfang und sage, dass wir in Deutschland die Bulgaren auch sehr gerne mögen.
Nun rasten die Leute fast aus, klatschen wieder mit uns ab und schwören auf die deutsch- bulgarische Freundschaft. Deutschland sei die Nummer eins, Bulgarien die Nummer Zwei. Wieder Händeschütteln, wieder sabbeln alle gleichzeitig auf mich ein. Wieder verstehe ich so ungefähr 5%. Wenn ich andeute, nicht zu verstehen, wird das ganze einfach wiederholt, nur lauter, bis es in Anbrüllen ausartet. Wir sind jedenfalls froh, als wir draussen sind, nochmal durch die Scheibe winken und alles überstanden haben.

Grenzkaff Bregovo
Landschaft bei Bregovo/ Vidin, BG
Buzz im Appartment vom Hotel Dunav

Direkt um die Ecke des Hotels ist ein Shop, der bis Mitternacht geöffnet hat, also verpflegen wir uns und chillen vor der Glotze. Spätabends setzen wir uns mit einer Zagorka 2L PET Flasche an die Donau und geniessen das Flair. Auf dem Rückweg sehen wir nach, ob die circa 300 Meter vom Hotel Dunav entfernte Disco Aquarius zur Party einlädt und sind überrascht. Da geht was, aber so richtig. Volles Haus! Laute Musik. Wie geil! Wir gehen natürlich rein und feiern bis 4 Uhr ab. Der Laden ist modern, gross, gepflegt und uneingeschränkt empfehlenswert. Hier werden wir es aushalten können!

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